Abenteuer am Schachen

Dieses Ereignis hat so stattgefunden, wie ich es hier erzähle. Ein wahres Bergerlebnis aus dem Jahre 2000, in dem ich gerade 11 Jahre alt war.

„Soll’n wir doch noch umkehren und ins Kino gehen?“ meinte Wolfgang, als wir seit einer halben Stunde im Stau standen: Gabriele, Gisa, Wolfgang und ich, Lorenz. Wir hatten uns entschlossen, auf das sich im Wettersteingebirge befindliche Schachenhaus zu gehen. Endlich hielt das Auto am Parkplatz vor dem Olympiastadion in Garmisch. Es war ein normaler Septembertag und wir zogen los.

Zunächst durch die kühle Partnachklamm, in die zahlreiche Wasserfälle wie Staub herabstürzten und in der man sich klein und verletzlich vorkam zwischen den Felswänden, die von der Partnach herauf bis hoch in der Himmel ragten. Danach kam der Wechsel zum Aufstieg. Der Weg, den wir bestiegen, war der Kälbersteig. Er führt zunächst wie ein normaler Wanderweg, doch dann folgt der Aufstieg in vielen Windungen an der Wand empor. Man muss für den Aufstieg zweifellos eine gute Kondition besitzen, um nicht liegen zu bleiben. Die Marschreihenfolge war eigentlich immer so, dass Gisa und Wolfgang vorausrannten und Gabriele und ich, von aufmunternden Zurufen angetrieben, hinterher schnauften.

Wir erreichten schließlich, durch Waldstücke und Windbrüche hindurch, eine Stelle, an der wir Aussicht auf das Schloss König Ludwig II., das sich ebenfalls oben befand, hatten. Doch wenn schon Hoffnungen auf ein baldiges Ziel aufkommen wollten, so sei gleich als Dämpfer hinzugefügt, dass sich zwischen unserem Standpunkt und dem Schloss ein tiefes Tal befand, das zu umgehen war; dies dauerte noch über eine Stunde. Man kam nach kurzer Zeit auf eine Fahrstraße, die ziemlich flach dahin führte.

Schon auf diesem gab es ein kleines Abenteuer: Gabriele wurde zur Lebensretterin. Die Fahrstraße, über die auch das Schachenhaus bewirtschaftet wird, kann wegen ihrer relativen Ebenheit leicht von Bergradlern befahren werden. Wir wunderten uns einmal, warum Gabriele zurückblieb, und als wir zurücksahen, bemerkten wir, dass sie mit einem Bergradler hinter uns dastand. Kurz nachdem der Bergradler an uns vorbei gefahren war, kam sie und erzählte uns: „Der war jetzt kurz vor‘m Zusammenbrechen. Der hatte überhaupt nichts zum Essen und zum Trinken dabei, da hab ich ihm ‘nen Müsliriegel und ‘nen Schluck trinken gegeben: Mei, war der froh! Er hat g’meint, ich wär’ seine Lebensretterin.“ Während des Weitergehens redeten wir noch weiter über diese ungemeine Fahrlässigkeit und kamen dann mit viel Geschnaufe beim Schachenhaus an. Ich hatte geglaubt, ich würde die letzten hundert Meter nicht mehr schaffen.

Endlich waren wir angekommen! Erleichterung machte sich breit. Nach dem Abendessen ging es ins Matratzenlager, was keineswegs sehr bequem war. Das Frühstück ließ sich Essen. Danach brachen wir auf, zunächst zum Schachenpavillon, bei dem man eine wunderbare Aussicht ins Wettersteingebirge hat. Endlose Täler direkt vor uns und dahinter riesige Bergmassen, die in ihrem steinigen Grau zu uns herübergrüßten. Nach einiger Zeit erst lösten wir uns von dieser Herrlichkeit und gingen weiter.

Wir hatten uns beim Frühstück entschieden, alle gemeinsam zur Meiler Hütte aufzusteigen und dabei alle Rücksäcke, bis auf einen mit den Getränken, bei der Hütte zu lassen. So strebten wir nach oben und ließen dabei Steige über tiefen Abgründen, Abzweigungen und viel Weg hinter uns. Dass Gabriele und ich uns die Abzweigungen nicht genau einprägten, sollte uns später zum Verhängnis werden, wenn auch nur durch eine weitere, viel größere Nachlässigkeit. Nach ungefähr ein einhalb Stunden erreichten wir die in einem Felseinschnitt und auf der deutsch-österreichischen Grenze liegende Meiler Hütte.

Dort beobachteten wir die Bergwacht mit einem Verletzten, der gerade abtransportiert wurde. Ein Bergwachtler ermahnte uns: „Jetzt stellt aber ja nichts mehr an, denn wir fahren jetzt ins Tal.“ Wir bekamen auf der Hütte nur spärliche Brotzeit, weil diese an einem der folgenden Tage schließen würde.

Beim Abstieg, es begann zu regnen, meinte Gisa zu Gabriele und mir: „Der Wolfgang und ich, wir geh’n schon mal schneller voran und packen zusammen, dann können wir nachher, wenn ihr nachgekommen seid, sofort losgehen.“

Fortsetzung der Geschichte „Abenteuer am Schachen“