Hobbys
Fortsetzung von „Abenteuer am Schachen“
Und gerade darin bestand unsere große Nachlässigkeit, die eigentlich nicht hätte vorkommen sollen: Wir trennten uns. Gabriele merkte leider, wie ich, erst zu spät, dass die Beiden den Rucksack mit dem Getränk mitgenommen hatten. „Halt, Gisa! Lass’ den Rucksack da!“ Doch diese hörte Gabriele nicht mehr. „Ach komm, Lorenz, jetzt geh’n wir schön gemütlich weiter bis zum Schachenhaus ‘runter,“ beruhigte mich Gabriele.
Doch ruhig war ich keineswegs: Was war, wenn sich der Regen in Schnee umwandelt? – Nebelschwaden ziehen vom Tal herauf! – Ich habe eigentlich Durst! – –
Nach kurzer Zeit stieg ein junger Mann an uns vorbei, der viel schneller war als wir. Doch dann kamen wir an eine Abzweigung; Der Nebel war jetzt so dicht, dass wir unsere Hand kaum mehr sehen konnten und der Regen war nur noch leicht zu spüren.
Gabriele fragte mich: „Weist du, wohin es geht? Ich kann mich nicht mehr erinnern.“ – „Ich glaub’, es geht hier lang – oder war es rechts?“ – „Keine Ahnung. Ich glaube, wir warten lieber hier, denn du stehst im Handumdrehen vor einer Felswand und dann kannst du weder nach vorn noch zurück und du brauchst die Bergwacht. – Aber die sind ja schon ‘runter gefahren. Was soll’n wir jetzt machen? Ich rufe jetzt um Hilfe; Vielleicht hören uns Gisa und Wolfgang. – HILFE! – HALLO! – HILFE!“ – So schrie sie.
Aber ich hatte Angst: Was, wenn sie uns jetzt nicht hören? – Was sollen wir dann hier oben machen, mutterseelenallein? – Oder die Bergwacht hört uns doch noch – irgendwie – und holt uns? – Was würde dann geschehen? – –
„Hör’ auf, Gabi, bitte, ich hab’ Angst!“ – „Willst du denn für ewig hier oben im Nebel sitzen bleiben?“ – „Was wäre denn, wenn sie uns nicht hörten?“ – „Nun, dann müssten wir wieder hinauf auf die Meiler Hütte – Den Weg kennen wir ja. – HALLO! – HILFE! – HALLO!“ – –
Gut, das zu wissen! Wir würden also nicht verdursten und verhungern! Wir setzten uns auf einen Stein. Entsetzlich, wie kalt er war! Überhaupt fror ich und fühlte mich sehr unwohl. Die Luft roch kalt und man sah nur noch weiß. Der Nebel wurde immer dichter und es wurde, so schien mir, auch immer kälter. Gabriele erzählte mir Geschichten und rief zwischendurch um Hilfe. – Doch was war das? Ich hörte jemanden rufen: „HALLO! – WIR KOMMEN!“ Wie war ich erleichtert: Es war Gisas Stimme!
Wir waren ja so froh! Gisa erzählte uns: „Da kam so einer daher, und weil wir Sorge um euch hatten, fragten wir ihn, ob er euch gesehen hatte oder ob er etwas von euch gehört hätte. Er antwortete, er hätte zwar schon so was gehört, was wie Hilferufe klang, aber das, so meinte er, seien wohl Schneehühner gewesen. So ein Kerl! Aber wir sind doch zurück gegangen – Gott sei Dank!“
So gingen wir unter ständiger Unterhaltung zum Schachenhaus. Ich war sehr müde und schlapp, nach so einem Erlebnis; auch Gabriele ging es nicht sehr gut. So entschloss sich Gisa, das Angebot eines Bergradlers anzunehmen, sie ins Tal mitzunehmen. Doch Wolfgang blieb bei uns. Wir wollten zum Abstieg über die Fahrstraße gehen, weil wir uns erhofften, dass dies einfacher sei.
Doch dem war keinesfalls so. Das merkten wir nur zu bald, nachdem wir vom Schachenhaus aufgebrochen waren. Es regnete, nein, schüttete wie aus Kübeln vom Himmel auf uns herab. Keine Spur war mehr vom Nebel. Es roch nach Erde. Wir wurden nass bis auf die Haut. Wir hofften auf ein baldiges Ende des Weges, doch von dem war nicht der mindeste Schimmer zu bemerken.
Der lange Weg zog sich schier unendlich hin, während Gabriele, Wolfgang und ich ihn begingen. – Würden wir überhaupt noch ankommen? –
Zunächst konnte ich noch abgelenkt werden, indem wir festlegten, dass wir alle zwanzig überströmten Wasserrinnen, die wir zählten, eine Trinkpause eingelegt werden sollten. Doch dies geschah auch nur ein einziges Mal, weil diese Wasserrinnen sehr selten waren.
Einmal sahen wir das Licht eines Autoscheinwerfers vor uns, doch dieses verschwand einige Serpentinen unter uns. Nach einer, so schien es mir, endlosen Zeit, ich denke, ich war dem Umfallen nah, sahen wir vor uns ein Auto. In diesem saßen – – Gisa und der Bergradler, der sie hinabgebracht hatte. Sie nahmen uns mit dem Auto herab und dabei erzählte uns Gisa, dass der Scheinwerfer, den wir vorher gesehen hatten, auch schon zum Auto des Bergradlers gehört hatte.
So fanden wir uns doch noch wohlbehalten am Abend bei uns zu Hause ein.
Ein Jahr später, 2001, ging ich nochmals auf das Schachenhaus, diesmal nur mit Gisa, meiner Mutter, um die schlechten Eindrücke zu verwischen: Diesmal durfte ich ohne Regen und ohne Sorgen heimkehren.
1. Mai 2002, Lorenz Reichelt