Banküberfall in Passau

Als ich noch kleiner war, erzählte mir mein Kinderarzt, der häufig bei uns zu Besuch war, immer wieder Geschichten. Sie waren zwar ausnahmslos erfunden, doch spielten sie immer an Orten, an denen ich schon gewesen war. So auch diese, denn wir waren früher und sind immer noch häufig in der Gegend um Passau im Urlaub.

Einige Zeit später, schon nach dem Urlaub in Kroatien mit dem spannenden Drogenerlebnis, doch noch in den Sommerferien, beschlossen meine Eltern, meine Oma in Passau zu besuchen.

Als endlich alles zur Fahrt zusammengepackt war und die Großeltern über unser Kommen informiert waren, fuhren wir endlich los. Aber natürlich, man kennt es ja: Irgendjemand hat sicher etwas vergessen. So war es diesmal ich, denn ich hatte mein Kuscheltier nicht mitgenommen. Doch mein Vater hatte zum Glück daran gedacht, denn als ich mein Problem äußerte, entgegnete er: „Ach, Lenzi, meinst du nicht, dass du das jedes Mal vergisst? Jetzt könnten wir schon wieder umkehren. Doch diesmal nicht, denn ich bin schließlich auch lernfähig: Ich habe deinen Löwen nicht vergessen!“ Nach einer, darauf hin ruhigen Fahrt mit Sonne im Gesicht, denn bekanntlich kann man die Sonnenblenden gerade dahin nicht stellen, wo man sie gerade bräuchte, kamen wir in Passau an. Nach dem Ausladen meldeten wir uns bei meinem Opa, der uns begrüßte und daraufhin auch meine Oma holte. An diesem Abend gab es, wie immer dort, Brotzeit und zur Feier des Tages auch noch einen guten Kuchen. Kurzum, nach einer noch auf das Essen folgenden Spielrunde gingen wir schlafen.

Am nächsten Morgen gab es zunächst ein Frühstück, das mir reichlich spärlich erschien. Danach ging es zum Oberhaus. Als der Rucksack mit dem Trinken für den Tag gepackt war, zogen wir los. Als wir die Donau erreicht hatten, war es gerade zehn Uhr und wir hörten dem vom Rathaus herunterklingenden Glockenspiel einige Zeit zu. Danach gingen wir, zur Donau hin gesehen, nach rechts weiter, um die Hängebrücke zu erreichen. Als wir diese überquert hatten, folgten wir dem Steig, der mit „Oberhaus“ beschriftet war. Dort oben angekommen, begaben wir uns auf die Aussichtswiese, wo meine Mutter von mir und meinem Vater ein Foto machte. Vor dem Abstieg, der uns jetzt bevorstand, beschlossen wir, in eine Eisdiele zu gehen, um den heißen Tag erträglicher zu machen. So kamen wir auch zu der Eisdiele und ich bekam sogar drei große Kugeln: Erdbeere, Schokolade und Stracciatella. Neben der Eisdiele waren leider Bauarbeiten, so dass man ganz schön eingestaubt wurde, falls man es vorzog, im Freien zu sitzen. Mich interessierten die Bauarbeiten und so ging ich hinaus auf die Straße, um besser zusehen zu können. Doch da hörte ich auch schon hinter mir Schritte und eine Stimme: Weg da, Junge, das ist nichts für kleine Kinder.“ Mir kam das alles, was ich gesehen hatte, etwas sonderbar vor: Als erstes könnte einen zumindest wundern, dass man gar nichts sehen konnte, was gebaut wird. Daneben noch die Tatsache, dass in einem Erdloch, das mit Absperrband gesperrt war, ein unterirdischer Gang gebaut wurde, besonders, da auf einem Werbeschild stand: „WIR BAUEN FÜR SIE! – einen Parkplatz für die Bank“ Das „Für die Bank“ war sogar noch halbwegs logisch, denn nebenan konnte man eine Bank sehen, doch ein Parkplatz – – müssten da nicht Platten gelagert sein, oder zumindest ein Berg voll Sand oder etwas ähnliches? Doch hier konnte man nur die blanke Erde mit verschieden großen Steinen sehen. Zu guter Letzt gab es auch noch ein drittes Sonderbares – zumindest für mich: Der Lastwagen, der sich neben er Baustelle befand, hatte folgendes Kennzeichen: TÖL – LR 1989. Das TÖL muss man als Kennzeichen meines Wohnlandkreises entschlüsseln, Landkreis Bad Tölz–Wolfratshausen. Das LR buchstabierte sich für mich als Lorenz Reichelt, welcher mein Name ist. Schließlich ist 1989 mein Geburtsjahr. Ich fand dies alles sehr sonderbar und erzählte es meinen Eltern. Mein Vater entgegnete: „Hast du wohl schon wieder eine Spur aufgenommen, um irgendeine Drogengeschichte zu lösen?" "Ich weiß nicht – aber das alles ist wirklich sehr sonderbar. Aber, nun ja, wir werden ja sehen, was dabei herauskommt,“ rechtfertigte ich mich. Wir sollten es auch wirklich bald bemerken – für die Leute bei der Baustelle allerdings sollte dieses bemerken recht unangenehm werden.

Eine halbe Stunde nach diesem Gedankengang in mir fuhren die Lastwägen und Bagger von der Baustelle weg. Man sah nun zwei Männer mit großen Säcken in das Abgesperrte Loch klettern. Noch ungefähr eine viertel Stunde später riefen wir eine Bedienung zum Zahlen, denn wir wollten langsam zu meinen Großeltern aufbrechen. Als wir aufgestanden waren und gerade weggehen wollten, kamen zwei Polizeiautos mit Blaulicht die Straße hinuntergefahren bis direkt vor die Bank. Dort sprangen vier Polizisten aus den Wagen und stürmten in die Bank hinein. Nun gingen wir natürlich nicht sofort weg, sondern beobachteten nun, was passieren würde. Als die Polizisten nun mit langsameren Gang nach fünf Minuten wieder aus der Bank kamen, ging ich zu ihnen hin und fragte einen von ihnen: „Entschuldigen Sie, aber was ist hier eigentlich passiert?“ Dieser antwortete: „Die Bankleute haben uns alarmiert, weil plötzlich eine beträchtliche Summe Geld aus ihrem Tresor im Keller fehlte. Wir haben schon gesucht, ob sich noch jemand im Haus befinden würde, doch es ist niemand mehr zu sehen. Wir müssen wohl eine Umfrage an die Bevölkerung richten und derweil Anzeige gegen unbekannt erstatten!“ „Dankeschön!"

Nachdem wir heimgegangen waren, war es schon spät am Nachmittag. Ich las noch zwei Stunden, dann gab es auch schon Abendessen und ich ging auch bald darauf ins Bett. Am nächsten morgen gab es wieder das gewohnte Frühstück und dazu eine Zeitung. Natürlich gab es in der Welt und in ganz Bayern viel neues. Doch ich wollte etwas ganz bestimmtes erfahren, und zwar etwas über den gestrigen Bankraub. Also schlug ich den zweiten Teil der Zeitung, also den Passauer Lokalteil, auf. In diesem Stand in großer Schrift die Schlagzeile: "Bank ausgeraubt worden – Geld in Passau nicht mehr sicher?“ Das interessierte mich natürlich sehr, denn ich war ja selbst dabei gewesen. Ich überflog den Artikel kurz. Es war darin enthalten, das aus ungeklärter Ursache Geld aus einer Passauer Bank entwendetet worden sein soll. Dazu war am Ende des Artikels ein Hinweis angegeben, der die Bevölkerung zu Hinweisen an die Polizeidienststelle aufforderte. Ich war sofort Feuer und Flamme dafür, doch mein Vater wollte erst verbieten, der Polizei meinen Verdacht zu äußern. Ich hatte nämlich inzwischen den Verdacht gehegt, dass die Leute an der Baustelle irgendwie mit dem Raub in Verbindung stehen. Doch das sollte sich ja wohl wenig später auflösen, denn ich argumentierte vor meinem Vater: "Also, Papa, weißt du nicht mehr was vor nicht ganz einem Monat im Urlaub passiert ist? Da hat auch ein Verdacht von mir zum Ziel verholfen. Warum sollte es sich hier nicht ebenso ergeben?“ Dagegen konnte weder mein Vater noch meine Mutter einen Einwand vorbringen. So ging es denn doch nach dem Frühstück zur Polizeidienststelle.

Fortsetzung der Geschichte „Banküberfall in Passau“