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Einleitung zur Inselgeschichte

Bei den Ureinwohnern

Jeder Dialog, der in kursiver Schrift gedruckt ist, wird in ‚Ureinwohnerisch’ gesprochen. Diese Sprache verstehe ich anfangs noch gar nicht, später dann teilweise.

Wohin soll ich mich jetzt wenden? Ich könnte meinen Weg wieder zurück, den Berg hinunter nehmen. Aber wo müsste ich mich dann vom Fuß des Berges aus wenden? Da ist das Tal. Doch führt es weiter zu der Ebene? Ich könnte noch weiter auf den Berg gehen. Doch was soll ich dort oben? Ich habe den Rauch schon gesehen. Ich denke, es ist das klügste, ich gehe den Berg auf der Seite hinunter, die zu dem Hügel, hinter dem ich den Rauch gesehen habe, zeigt. Da führt der Pfad zunächst auf einen schmalen Felskamm hin, danach steigt rechter Hand sogar noch eine Felswand auf.

Ich wandere also los, ein wenig gestärkt gegenüber gestern und vor allem mit der Aussicht, vielleicht bald auf Menschen zu treffen. Mir schwindelt ein wenig, wenn ich rechts und links unter mir den gähnenden Abgrund sehe. Doch ich muss mich zusammenreißen, wenn ich nicht hier, so kurz vor dem vorläufigem Ziel, umkehren will. Ich muss zwar immer wieder anhalten, doch es geht stetig vorwärts. Es ist ein wunderschöner Spätsommermorgen, soweit ich das beurteilen kann, da ich nicht einmal weiß, wie ich hierher gekommen bin. Unten im Tal des Flusses löst sich langsam der Nebel auf.

Weil ich weit hinaus die Aussicht genieße, achte ich nicht sehr auf den Weg. Plötzlich fangen unter meinen Tritten die Steine zu rollen an. Soll das hier mein Ende sein? Darf ich nicht einmal mehr mein Ziel erreichen? Ich komme nicht aus. Ich sehe nichts, woran ich mich festhalten könnte. Doch während ich schon zum Abrutschen anfange, sehe ich eine Wurzel. Doch werden meine Arme stark genug sein, mich daran zu halten? Die Wurzel knackst. Wird sie brechen? Unter mir fühle ich einen Stein. Ist er fest in der Felswand, an der ich hänge, fest verankert? Ich muss es darauf ankommen lassen. Ich spüre, wie die Wurzel langsam nachgibt, sie knackst verdächtig. Mit dem Fuß versuche ich, den Stein zu erreichen. Auf einmal reißt die Wurzel, sie stürzt in den gähnenden Abgrund. Und ich? Ich stehe fest mit einem Fuß auf dem Felsvorsprung. Ich blicke in die Tiefe. Mir schwindelt. Ich stehe an der fast senkrecht abfallenden Wand. Nun sehe ich nach oben. Dort ist ein größerer Felsvorsprung, kurz über mir. Ich könnte ihn mit beiden Händen erreichen. Direkt darüber ist der Weg. Soll ich es wagen, mich daran emporzuschwingen? Habe ich die nötige Kraft? Doch ich habe keine andere Wahl. Ich fasse den Stein und schwinge mich unter Aufbietung aller Kräfte hoch. Da liege ich nun auf dem Pfad. Die Füße stehen auf der einen Seite über, der Kopf auf der anderen: So schmal ist der Weg. Nach kurzer Zeit rapple ich mich wieder auf und setze meinen Weg fort. Doch ich habe während dieses Abenteuers nicht auf den Himmel geachtet. Nun aber blicke ich hoch und sehe, wie sich um mich schwere Gewitterwolken auftürmen. Wenn jetzt ein Gewitter losbräche! Ich laufe, so schnell es der Pfad erlaubt. Soll ich hier Opfer einer Naturgewalt werden? Doch schon sehe ich kurz vor mir die ersten Latschen, also Vorboten eines baldigen Endes des Kammes. Also gehe ich gemäßigt weiter. Endlich erreiche ich den Anfang eines Waldes. Ich hoffe, darin etwas Essbares zu finden. Ich gehe also weiter, tiefer in den Wald hinein. Plötzlich gibt es einen fürchterlichen Knall. Was war das? Ich drehe mich um und sehe am Waldrand einen Baum hoch auflodern, der dann brennend zur Erde stürzt. Es war wohl ein Blitz in ihn geschlagen, denn gleichzeitig bricht der Platzregen los. Obwohl ich mich im Wald befinde, bekomme ich auch viel Wasser ab. Ich gehe langsam weiter. Nach kurzer Zeit sehe ich vor mir eine große Lichtung, die ich allerdings während des Gewitters nicht betreten will. Also setzte ich mich an den Waldrand. Langsam kriecht die Kälte an mir hoch und ich würde gerne ein Feuer haben, an dem ich mich wärmen kann. Da komme ich auf die gute Idee, mir von dem brennenden Baum einen brennenden Ast zu holen. Erst hole ich mir einiges dürres Unterholz und gehe dann das Stück auf dem Weg, auf dem ich gekommen war, zurück. Kurz danach brennt vor mir ein schönes, warmes Feuer. Seine Wärme durchflutet mich und ich fühle mich endlich wieder einmal wohl. Ich lausche den Tropfen des Regens, den Geräuschen des Waldes und dem Knistern der Flammen. Da schaue ich hinaus auf die Lichtung. Was sehe ich da? Zwölf schöne Wiesenchampignons, die mir davor gar nicht aufgefallen waren. Als wieder einmal ein Blitz vorbei war, laufe ich hinaus zur Mitte der Wiese und hole mir die Champignons. Nachdem ich sie Mithilfe eines Stöckchens gesäubert habe und etwas geröstet habe, esse ich sie. Endlich wieder einmal eine feste Mahlzeit! Das Feuer ist nun langsam niedergebrannt und der Regen geht in ein leichtes Nieseln über. Ich wandere weiter. Nach einiger Zeit zeigt sich die Sonne wieder. Ihr Licht durchflutet mich, während ich den letzten Abhang zum Tal hinter mich bringe. Die Wanderung zur nächsten Anhöhe verläuft ruhig und man sieht weiterhin den Rauch aufsteigen. Plötzlich höre ich einen lauten Pfiff. Was war das? Da sehe ich ein braunes Tier, das in eine Höhle flüchtet. Es war also nur ein Murmeltier. Ich gehe weiter, immer auf die Anhöhe zu, hinter der ich immer noch den Rauch aufsteigen sehe. Meine Füße fangen an, zu schmerzen. Wenn ich doch nur bald mein Ziel erreichen könnte! Endlich bin ich bei der Erhebung angelangt.

Es gibt hier viel Unterholz, das man schwer durchdringen kann. Also laufe ich den Waldrand ab, in der Hoffnung, eine Stelle zu finden, an der man leicht in den Wald eindringen kann. Aber was sehe ich zu meiner Verwunderung und Freude? Es führt ein gebahnter, schmaler Pfad hinein. Ein Wildwechsel kann es nicht sein, denn er ist komplett ausgelichtet und kann leicht durchschritten werden. Ich sehe nun genauer auf den Boden und erkenne menschliche Fußspuren. Also ist es nun sicher, an der Quelle des Rauches Menschen zu erblicken. Oben angekommen, schaue ich hinab. Hinter den Bäumen, die im Vordergrund mein Sichtfeld verdecken, sehe ich einfache Hütten aus Holz stehen. Haben mich die Bewohner dieses Dorfes schon bemerkt? Ich sehe unten, ungefähr hundert Meter unter mir, auch ein Feuer brennen, dessen Rauch ich schon am Berg gesehen habe und bis hierher verfolgt hatte.

Ich entschließe mich nun, zu dem Lager hinunterzusteigen. Ich habe zwar Angst, dort auf mir nicht gut gesinnte Menschen zu treffen, doch ich brauche endlich einmal etwas richtiges zum Essen und erhoffe mir auch vielleicht einige Informationen. Also nehme ich meinen Mut zusammen und gehe hinunter. Da bemerken mich die Menschen, die um das Feuer herumsitzen.

Also nehme ich meinen Mut zusammen und gehe hinunter. Bald bemerken mich die Männer, die da unten um das Feuer herum sitzen. Das Lager gerät in Aufruhr und bald kommen auch Frauen und einige Kinder aus den Hütten zum Vorschein. Was sind das für Menschen? Wahrscheinlich sind es Ureinwohner dieser Gegend. Wenn das aber so ist, dann muss ich mich hier sehr abgelegen befinden, denn die Bauweise der Hütten, die Kleidungsweise der Menschen und ihre Haartracht weisen darauf hin. Ich bin nun im Lager angekommen. Ich weiß nicht, wie lange es her ist, dass ich einen Menschen sah oder sogar sprach. Da tritt einer der Männer vor. Er sagt:

„Herzlich willkommen! Wer bist du, und was willst du hier? Ich bin der Häuptling Disalutdegagnu.“

Was soll das bedeuten? Diese Sprache habe ich noch nie gehört. Ich antworte daher:

„Grüß Gott! Es tut mir leid, aber deine Sprache spreche ich nicht. Vielleicht kannst du ja meine verstehen.“

„Was sagst du da? Ich verstehe dich nicht, aber unter uns ist einer, der erst vor kurzer Zeit zu uns kam. Vielleicht kann er dich verstehen. Thommofloin, komm doch mal her!“

„Wen rufst du? Tommofloa? Wer ist das?“

Nun kommt ein anderer Mann hinzu. Dieser sagt, Gott sei Dank in einer mir verständlichen Sprache:

„Herzlich willkommen, Fremdling! Wie es scheint, sprichst du unsere Sprache nicht. Ich heiße Thommofloin. Ich bin erst vor kurzem hierher gekommen und spreche deine Sprache. Ich bin hier gestrandet, ich weiß selbst nicht, wie, und bin dann auf diesen Stamm, sie nennen sich ‚Ieldegrandeats’ und bewohnen diese Insel, getroffen. Ich habe nach und nach herausgefunden, wie sie sprechen und verstehe sie jetzt leidlich. Der Häuptling ‚Disalutdegagnu’ wollte wissen, wer du bist und warum du hier bist.“

Das ist ja ein schöner Empfang. Ich verstehe die Sprache der Menschen nicht und auerdem will der Häuptling wissen, wer ich wäre! Ich weiß es ja selbst nicht einmal! Trotzdem bin ich nun beruhigt, denn der Empfang war freundlich. Außerdem habe ich Glück, dass dieser Thommofloin hier ist. Ohne ihn könnte ich die Dorfbewohner wohl schwerlich verstehen. Aber dieser Mann ist auch gestrandet und auch ihn hat ein ähnliches Schicksal wie mich hierher geführt, wo ich jetzt bin, zu diesen ‚Ieldegrandeats’. Ich antwortete ihm:

„Wer ich bin, das weiß ich nicht. Ich bin so ähnlich wie du hierher gekommen. Ich sah von dem hohen Berg hinter der Ebene den Rauch eures Lagerfeuers. Da entschloss ich mich, es aufzusuchen. Ich hoffe, dass ich bei euch etwas Essbares bekommen kann, denn ich habe großen Hunger. Eine Bezahlung kann ich euch freilich nicht leisten, denn alles, was ich besitze, sind die halb zerrissenen Kleider am Leib.“

„Natürlich kannst du etwas zu essen bekommen. Wahrscheinlich, wenn es dem Häuptling recht ist, kannst du auch einige Zeit bei uns wohnen bleiben. Vielleicht werde ich sogar mit dir aufbrechen, um wieder heim zu finden. Du musst wissen, dass hier selten jemand herkommt.“

Damit dreht er sich um und spricht kurze Zeit mit Häuptling Disalutdegagnu. Daraufhin sagt der Häuptling:

„Natürlich kannst du bei uns bleiben, du würdest uns damit Freude bereiten. Zu Essen bekommst du natürlich auch etwas. Fühle dich hier, als ob du zu Hause in deiner eigenen Hütte wärest.“

Weil sich Thommofloin denken kann, dass ich wissen will, was der Häuptling gesagt hat, übersetzt er mir gleich:

„Der Häuptling Disalutdegagnu hat gesagt, dass du natürlich bei uns wohnen bleiben darfst und auch zu Essen bekommen wirst. Ich habe in meiner Hütte ein Zelt, das ich für dich aufbauen kann. Darin kannst du dann wohnen, bis du dir deine eigene Hütte gebaut hast. Ich werde jetzt gehen, um dir etwas zu essen zu besorgen.“

Damit verabschiedet er sich und geht weiter ins Dorf hinein. Nun drängen sich viele Menschen um mich, Alte, Junge, Männer und Frauen; Alle wollen den Fremden sehen, der hier völlig unerwartet gekommen ist. Nach kurzer Zeit kommt der Häuptling zu mir und führt mich zu einer Hütte, vor der eine Bank steht. Dort soll ich also Platz nehmen. Ich glaube, dass ich vor der Hütte des Häuptlings persönlich sitze, denn sie ist bemalt und es stehen allerlei seltsame Gegenstände davor. Ich komme mir komisch vor. Ich sitze Mitten in einem Dorf von Ureinwohnern einer Insel, wie ich jetzt weiß, deren Sprache ich nicht einmal verstehe und sonne mich vor dem Zelt des Häuptlings.

Während ich hier sitze, kommen wieder die Fragen in mir auf: Wer bin ich? – Habe ich einen Namen? – Habe ich Eltern? – Wo sind sie? Also soll ich diese Nacht in einem Zelt verbringen, nicht so, wie gestern, unter dem freien Himmelszelt. Ich glaube, dass ich in Thommofloin einen Freund gefunden habe. Sicherlich werde ich ihm noch heute Abend von dem erzählen, was mir passiert ist. Noch dazu das Angebot von ihm, mit mir weiter zu wandern, obwohl er, weil er ja die Sprache der Ieldegrandeats versteht, leicht hier wohnen bleiben könnte.

Lange bleibe ich nicht ungestört, denn Thommofloin kehrt bald mit einem kräftigen Brocken Fleisch zurück.

„So, da hast du etwas zu Essen. Gehen wir ins Zelt des Häuptlings, dort brennt ein Feuer, und braten wir es dir. Es wird wohl zugleich deine Abendmahlzeit sein, denn es wird ja schon langsam dunkel.“

In der Tat hat es während der Begrüßung und der Wartezeit schon zu dämmern angefangen. Ich freue mich natürlich über das Essens, denn Fleisch habe ich ja schon lange nicht mehr gehabt, soweit ich das weiß.

Wir gehen also in die Hütte des Häuptlings hinein. Dort sehe ich schon ein kleines Feuer brennen. An der Wand der Hütte hängen zwei Speere und sogar ein Gewehr. Obwohl es sicher nicht guter Bauart ist, wird es hier wohl eine Seltenheit sein. Im hinteren Teil der Hütte sehe ich einige Strohhaufen, die wohl als Betten dienen sollen. Auch eine lange, selbst gemachte Bank steht dort. Beim Feuer dagegen gibt es keine Sitzgelegenheit, weswegen ich mich im Schneidersitz setzen muss. Nach kurzer Zeit kann ich essen. Welch eine Wohltat für meinen Magen, endlich wieder einmal etwas Gutes essen zu können!

Nach dem Essen, es ist nun schon ziemlich dunkel, gehe ich mit Thommofloin zu seiner Hütte. Von dort bringt er ein Zelt hinaus, das wir nun zusammen aufbauen. Obwohl ich ihm noch von meinem Weg erzählen will, schlafe ich gleich ein: Ich bin einfach zu ermüdet.

Als ich am nächsten Morgen erwache und aus dem Zelt trete, ist schon heller Tag. Ich strecke mich und setze mich vor das Zelt, um mich erst einmal umzusehen. Nach kurzer Zeit kommt Thommofloin vorbei.

„Na, hast du gut geschlafen?“

Darauf kann ich natürlich nur antworten:

„Ich habe auf dieser Insel erst zweimal geschlafen: Gestern und Heute. Natürlich habe ich heute besser geschlafen als gestern unter freiem Himmel und im Regen.“

„Das freut mich. Aber heute musst du dich auch entscheiden, ob du einige Zeit bei uns bleiben und dann mit mir weiter wandern willst, oder lieber jetzt gleich wieder ohne mich aufbrechen willst. Du würdest natürlich in beiden Fällen von uns mit Proviant versorgt werden und auch ich würde es dir nicht übel nehmen. Du musst wissen, was besser für dich ist, und was du willst. Ich würde mich natürlich freuen, wenn du dich für das erste entscheiden würdest. Mit deiner Entscheidung kannst du natürlich noch etwas warten; Du kannst auch, wenn du dich für das Zweite entscheidest, noch ein oder zwei Tage bei uns bleiben.“

Damit geht er weiter. Das trifft mich nun wie ein Schlag. Ich soll jetzt schon entscheiden, ob ich hier bleiben will. Es klingt natürlich schön in meinen Ohren, dass ich hier bleiben und danach mit jemandem zusammen weiterziehen könnte. Doch wenn ich das täte, wann komme ich dann weiter? Oder ist es den Ureinwohnern überhaupt wirklich recht, dass ich hier bliebe? Will Thommofloin nicht lieber hier bleiben? Alleine können mich natürlich Gefahren ereilen, doch kann ich diesen denn mit Thommofloin entgehen? Es fällt mir schwer, mich zu entscheiden zwischen diesen beiden Möglichkeiten: Gehe ich zusammen mit Thommofloin weiter, oder soll ich mich auf mich selbst verlassen?

Egal, was ich tue, es kann mir beides Vor- und Nachteile bringen. Ich muss mich entscheiden. Im Moment ist alles noch so friedlich, wo ich hier noch im Sonnenschein vor diesem Zelt sitze, aber welche Gefahren werden noch auf mich lauern? Ich werde mich entscheiden, das ist sicher, aber wie? – –

Nächstes Kapitel: „Der Häuptling erzählt“