Der Häuptling erzählt
„Ja, ich will bei euch bleiben. Ich will auch in einiger Zeit mit Thommofloin weiterreisen. Ich hoffe, dass euch das recht ist und dass Thommofloin an seinem Angebot festhält.“
Thommofloin übersetzt dem Häuptling:
„Der Fremde will hier bei uns bleiben, wenn es dir recht ist. Auch will er mit mir später aufbrechen, wie ich es ihm ja versprochen habe.“
Wo bin ich gerade? Wie kommt es zu diesem Dialog? Nun ja, weil mich Thommofloin am Morgen gefragt hat, wie ich mich entscheiden würde, habe ich darüber nachgedacht und bin zu dem Entschluss gekommen, hier noch etwas im Dorf der Ureinwohner zu bleiben und danach mit meinem neuen Freund aufzubrechen. Die Sprache der Ieldegrandeats verstehe ich zwar immer noch nicht, aber ich habe ja Thommofloin.
„Das freut mich. Ich denke, du wirst zusammen mit ihm eine Hütte bauen, in der er dann wohnen kann. Ich bin zwar traurig, dass du von uns scheiden willst, doch das musst du wissen.“
„Disalutdegagnu hat gesagt, dass es ihn freut, wenn du hier bleibst. Ich soll mit dir eine Hütte für dich bauen. Der Häuptling meint zwar, dass es ihm Leid tun wird, wenn ich von hier fortgehe, aber ich will lieber mit dir ziehen, als hier zu bleiben.“
„Gut! Dann würde es mich freuen, wenn wir gleich mit dem Hüttenbau anfangen könnten, denn es ist ja schon Mittag.“
„Damit bin ich einverstanden. Lass uns gehen.“
Damit verabschieden wir uns vom Häuptling und gehen aus seiner Hütte. Im Laufe des Nachmittags heben wir im Wald mit einer der wenigen Äxten im Stamm einige Bäume um, um danach eine Hütte zu bauen. Obwohl wir leider keine Nägel, sondern nur Schnüre haben, geht die Bauarbeit an der kleinen Hütte ziemlich schnell voran. Anschließend verstopfen wir die verbliebenen Ritzen noch mit Moos. Eine richtige Tür hat meine eigene Hütte zwar nicht, aber wir können doch ein Tuch auftreiben, um damit den Eingang zu verhängen.
Nun tragen wir noch einen Haufen Stroh hinein, auf dem ich mich heute Abend zur Ruhe legen kann. Sogar ein ‚Bettlaken’ bekomme ich. Wir schichten auch noch etwas Holz auf, bevor ich mich das erste Mal in meiner eigenen Hütte niederlassen kann. Sie ist zwar ziemlich niedrig, aber um darin zu schlafen, reicht sie.
Es wird langsam dunkel. Für Heute habe ich, denke ich, genug getan. Morgen will mich Thommofloin auf die Jagd mitnehmen, da seine Vorräte knapp geworden sind. Heute Abend lädt er mich zum Essen zu sich ein. Während wir essen, erzähle ich Thommofloin von meinem Weg bis hier her. Er hört mir gespannt zu. Endlich, als ich geendet habe, sagt er:
„So ähnlich wie dein Weg, war meiner auch. Ich bin auch an einer Stelle gestrandet, aber ich weiß nicht, wie es kam. Ich kam hier in der Nähe vorüber und sah die Pfade. Da bin ich einem gefolgt und traf auf die Ieldegrandeats, die mich freundlich aufnahmen. Das war vor zwei Wochen. Ich konnte mich zwar nicht gut mit ihnen unterhalten, aber indem ich mit Gebärden sprach erlernte ich nach und nach, wie sie sich ausdrücken. Sie haben keine sehr komplizierte Sprache. Ich weiß nicht mehr, wer ich bin. Aber sie nannten mich bald alle ‚Thommofloin’. Ich habe herausgefunden, dass das etwas wie ‚Mann aus der Fremde’ bedeuten soll, also nicht mein richtiger Name sein kann.“
Das gibt mir natürlich zu denken. Dieser Thommofloin hat also fast denselben Weg hierher gehabt wie ich. Sollte zwischen uns eine Verbindung bestehen? Da fällt mir ein, dass ich vorhin noch etwas vergessen habe, als ich ihm von meiner Reise erzählte. Daher sage ich es ihm jetzt:
„Ach ja, ich habe vorhin noch etwas vergessen. Als ich nämlich am Strand mich aufrappelte, fiel mir etwas an meinem Hals auf; ich habe es noch jetzt: Ein Amulett, in das ein zarter Schriftzug eingraviert ist. Hier, schau, und es hat auch so eine sonderbare Form.“
„Zeig her! So etwas habe ich auch! Sieh!“
Tatsächlich hat er auch ein solches Amulett, das auch silbern ist und in das ebenfalls ein Schriftzug eingraviert ist, wenn es auch nicht der selbe ist. Auch seine Form beschreibt ein Schneckenhaus oder eine Welle, nur mit dem Unterschied, dass diese Form sich nicht nach außen ausbeult, sondern nach innen eingedrückt ist. Was mir sofort aufgefallen ist, probieren wir jetzt aus: Sie lassen sich ineinander stecken!
„Das ist ja vielleicht komisch,“ sagt er. „Sie lassen sich zusammen stecken, als ob sie einst zusammen waren und dann auseinander geschnitten worden sind. Das werde ich Morgen dem Häuptling Disalutdegagnu zeigen. Vielleicht weiß er eine Erklärung dafür, oder weißt du eine?“
„Nein, da bin auch ich ratlos. Auf jeden Fall gehören die beiden Amulette – irgendwie – zusammen. Ich denke auch, dass es eine gute Idee ist, Disalutdegagnu zu befragen. Jetzt will ich aber erst einmal schlafen. Gute Nacht!“
Nachdem auch er sich verabschiedet hat, gibt er mir meinen Teil des ‚Gesamtamulettes’ wieder. Daraufhin gehe ich zu meiner Hütte, die direkt neben der seinigen steht, und schlafe dort ein. Es tut mir wohl, unter einem festen Dach zu schlafen. Was Morgen sein wird, kümmert mich jetzt noch nicht.
Nachdem ich am nächsten Morgen aufgewacht bin und mich gewaschen habe, gehe ich sofort zu Thommofloin, um mit ihm weiter über das gemeinsame Amulett zu sprechen. Doch in seiner Hütte ist er nicht. Ich suche ihn zunächst in der Nähe der Hütte, doch finde ihn auch dort nicht und entschließe mich so, auf ihn vor meiner Hütte zu warten. Nach einiger Zeit kommt er vorbei.
„Hallo! Ich habe dem Häuptling schon von unserer Entdeckung erzählt und er hat gesagt, dass er uns dazu etwas zu erzählen hat. Weißt du, was er mir gesagt hat?“
„Nein, natürlich nicht. Aber ich glaube, du erzählst es mir gleich.“
„Ja. Er hat mir gesagt, er würde das Amulett kennen und dass er dazu eine Geschichte weiß. Er will sie uns erzählen, aber er weiß nicht, wie er das anstellen soll, da du unsere Sprache nicht verstehst.“
„Er könnte es ja dir erzählen und du erzählst es mir wieder. Es wäre freilich zu umständlich, wenn du mir jeden Satz übersetzen müsstest, aber geh doch einfach du hin und erzähle es mir später im ganzen.“
„Damit bin ich einverstanden. Die Jagd müssen wir dann auf den Nachmittag verschieben, aber das macht ja nichts.“
„Gut. Bis nachher dann!“
Damit verlässt er mich und geht zur Hütte des Häuptlings. Ich sehe mich derweil ein wenig im Dorf um, wo ich auf Menschen stoße, die, für mich, komische Tätigkeiten ausüben. Nach einiger Zeit jedoch kehre ich zurück, um auf Thommofloin zu warten. Als dieser kommt, hat er mir viel zu erzählen.
„Der Häuptling hat mir eine ziemlich lange Geschichte erzählt, die ich sehr interessant fand. Aber ich finde, ich sollte sie dir genau erzählen, weil sie für uns beide sehr wichtig ist.“
„Warum? Worum geht es denn?“
„Wir können durch sie unsere Eltern herausfinden. Gehen wir ein wenig in den Wald, denn dort weiß ich ein Plätzchen, wo es kühl und schattig ist, und so gut zu einer längeren Erzählung geeignet ist.“
„Gut, gehen wir!“
Soll uns diese Erzählung, die der Häuptling ihm sagte, wirklich einen solchen Nutzen bringen? Wir gehen also durch das Dorf, hinaus auf den Wald zu. Als wir an einem kleinen Baumkreis angekommen sind, fängt er an zu erzählen.
„Der Häuptling hat mir folgendes erzählt: Vor einigen Jahren kam einmal ein weißes Ehepaar zu ihm. Mit ihnen erlebte er ein Abenteuer: Es wohnte damals anscheinend ein anderer, wandernder Stamm hier in der Nähe. Dieser Stamm hat in der Zeit, in der das Ehepaar bei den Ieldegrandeats war, von diesen zehn Tiere entführt. Darum ging der Häuptling mit einer kleinen Kriegerzahl, denn er hat nicht viele, zu diesem anderen Stamm und versuchte, die Schafe wieder zurück zu erlangen. Sie bedeuteten für ihn viel. Nach einem Tag kam ein Unterhändler des anderen Stammes, um den restlichen Ieldegrandeats mitzuteilen, dass sich ihr Häuptling Disalutdegagnu mit einigen Kriegern in ihrer Gefangenschaft befand.
Er beschrieb ihren Zustand als böse und drohte, dass alle umgebracht worden wären, wenn nicht bald als Auslöse weitere zehn Schafe gezahlt worden wären. Daraufhin entschloss sich der Mann, von dem ich nun glaube, dass er mein und vielleicht auch dein Vater ist, den Häuptling zu befreien, weil außer ihm keine anderen Krieger mehr vorhanden waren. Es waren nur noch Frauen und Kinder im Lager. Der weiße Mann dachte sich außerdem, dass der verfeindete Stamm den Häuptling mit seinen Kriegern auch nach der Zahlung des Lösegeldes nicht nur nicht herausgeben, sondern vielleicht gar töten würde.
Also brach der Mann auf, um die Ieldegrandeats zu befreien. Als er am verfeindeten Lager ankam, sah er dort aller Krieger gefangen. Er sah auch, dass sie an Bäume gebunden waren, die so nahe am dichten Wald standen, dass er ihnen die Fesseln zerschneiden hätte können. Allerdings war er nicht geübt im Anschleichen, so dass er befürchtete, bemerkt zu werden. Doch da kam ihm die Natur mit einem starken Gewitter zu Hilfe, das ein vielleicht entstehendes Knistern leicht unterdrückt hätte. Ein Messer hatte der Mann ja, und so begann er die gefährliche Aktion.
Es glückte ihm, allen Kriegern und zuletzt dem Häuptling, die Fesseln zu zerschneiden, die ihnen wohl kräftig weh getan hatten, weil sie sehr fest gebunden gewesen waren. Nachdem der Mann dem Häuptling Disalutdegagnu die erlösende Nachricht zugebracht hatte, fielen die Krieger des Häuptlings auf dessen Signal über den anderen Stamm her: Sie siegten.
Danach wollte sich der Häuptling Disalutdegagnu an den verfeindeten Kriegern rächen, doch der weiße Mann billigte das nicht. Er hatte zwar große Schwierigkeiten, seine Meinung im Stammesrat durchzusetzen, ließ sich aber nicht beirren. So gingen die beiden Stämme in Frieden, und nicht in Feindschaft auseinander. Als Dank für die Lebensrettung schenkte Disalutdegagnu dem weißen Mann ein Amulett, das aus zwei einzelnen Teilen bestand, die zusammen eine Schnecke oder überschlagende Welle darstellten.“
„Also genau das unsrige? Daraus schließt du, dass der Mann unser Vater ist? Dann wären wir ja Brüder! Und das alles hat dir der Häuptling erzählt?“
„Ja, das alles. Und du hast auch genauso gefolgert wie ich. Doch lass’ mich erst noch fertig erzählen: Dieses Amulett hatte auch eine Inschrift, in einer geheimen Schrift, die rund um die beiden Teile geschrieben war. Schließlich sagte mir der Häuptling noch, was diese Inschrift bedeuten sollte: ‚Heil über diesen Mann aus dem fernen Deutschland, dem ich mein Leben verdanke.’ Auf meinem Teil sieht man noch das eingeritzte Totem Disalutdegagnus, das er als seine ‚Unterschrift’ darunter setzte. Er hat mir auch erklärt, wie diese Zeichen zu lesen sind: Schau!“
Damit nimmt sich Thommofloin meinen Teil des Amuletts und erklärt mir die Inschrift. Wir beschauen das Amulett noch einmal von allen Seiten, damit uns auch nichts entgehe. Ich bemerkte noch etwas.
„Thommofloin, schau, hier auf der Rückseite sehe ich einen ganz zarten, eingravierten Schriftzug. Vielleicht ist er in der selben Schrift wie der auf der Vorderseite geschrieben. Fragen wir doch Disalutdegagnu, der diese Geheimschrift doch jedenfalls entwickelt hat.“
Weil Thommofloin mit mir einverstanden ist, suchen wir den Häuptling auf – mit Erfolg! Thommofloin übersetzt mir, was der Häuptling sagt:
„Der Häuptling meint, er könne das lesen, wenn wir uns einen Moment gedulden.“
Plötzlich stößt der Häuptling einen Ruf des Erstaunens aus und lässt daraufhin wieder einen Redeschwall über Thommofloin ergehen, der mir übersetzt.
„Ihr steht unter meinem besonderem Schutz! So ärgert es mich natürlich noch mehr, dass ihr von hier fort wollt, aber da euch euer Vater wohl wieder bei sich sehen will, sollt ihr gehen.“
„Stell dir das vor! Die Schrift bedeutet: ‚Bitte schütze meine beiden Kinder Klaus und Fritz!’ Sollten wir so heißen? Nun ja, unmöglich ist es nicht, da wir ja anscheinend aus Deutschland stammen. Der Häuptling meint, wir stünden also unter seinem Schutz. Auch will er uns eigentlich nicht fortlassen, glaubt aber, dass unser Vater uns wieder bei sich sehen will.“
Was erfahre ich hier! Ich soll der Bruder meines Freundes sein und Klaus oder Fritz heißen und aus Deutschland stammen? Es freut mich natürlich, hier einen großen Teil meiner Fragen, die mich quälten, geklärt zu finden. Dennoch liegen wohl noch viele Gefahren auf unserem Weg nach Deutschland. Wie sollten wir dort unsere Eltern finden?
„Schön, dass wir das hier herausfinden können! Dann spricht ja nichts mehr gegen unserem gemeinsamen Weg nach Hause. Wollen wir nun auf die Jagd gehen? Wie macht man das hier?“
„Das werde ich dir zeigen. Gehen wir hinaus.“
Nun lehrt mich Thommofloin, oder Klaus oder Fritz, wie man mit dem Blasrohr auf die Jagd geht, denn das Gewehr ist hier dazu noch nicht verbreitet. Wir sind auf der Jagd erfolgreich und bringen zwei Kaninchen mit, die gleich zerlegt werden.
Danach vergehen einige Tage, in denen ich mich ausruhe, ein wenig von Thommofloin die Sprache der Ureinwohner erklärt bekomme und manchmal mit ihm auf die Jagd gehe. In diesen Tagen geschieht aber nichts, was man erzählen könnte. Schließlich fassen wir nach einiger Zeit den Entschluss, bald aufzubrechen. Obwohl der Häuptling davon nicht begeistert ist, müssen wir ja irgendwann aufbrechen. Zunächst packen wir unsere wenigen Sachen zusammen und holen uns Proviant. Danach gehen wir noch einmal zu Disalutdegagnu, um uns von ihm zu verabschieden. Es ist noch früher Morgen und wir beschließen, nach noch einem kurzen Rundgang durch das Dorf aufzubrechen. Mit unseren Amuletten um den Hals ziehen wir los.
Nächstes Kapitel: „Wieder auf dem Weg“