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Einleitung zur Inselgeschichte

Die Überfahrt

Da sehen wir das Meer vor uns liegen. In seinem dunklen Blau sehe ich es von unserem Aussichtsplatz aus unter mir. Wann habe ich das letzte Mal das Meer gesehen? So lange ist es gar nicht her. Da war ein dröhnender Schmerz in meinem Kopf. Wellen brachen sich an dem Ufer, an dem ich lag. Fragen schossen mir durch den Kopf. So bin ich auf diese Insel gekommen. Nun habe ich sie, größtenteils zusammen mit Thommofloin, durchschritten. Am Horizont kann man einen dünnen Strich erkennen. Soll das vielleicht eine andere Insel sein? Oder sogar Festland?

Wie bin ich hierher gekommen? Seit der Begegnung mit den Ureinwohnern des letzten Dorfes ist etwa eine halbe Woche verflossen, in der ich mit Thommofloin viele Kilometer zurückgelegt habe, bis hier an diese Anhöhe kam. Vor ihr liegt das Meer, und direkt unter ihr ein Dorf. Wir haben uns hierher gesetzt, um erst einmal auszuruhen, bevor wir den Weg hinunter suchen wollen. Nahe an der Küste sieht man zwei kleine Boote, die wohl Fischern gehören.

Nach kurzer Zeit gehen wir also hinunter. In diesem Dorf herrscht reges Treiben: alle sind hier beschäftigt. Dieses Dorf macht einen ganz anderen Eindruck auf mich als die anderen beiden. Es hat auch sicherlich viel mehr Einwohner. Aber man merkt trotzdem deutlich, dass es ein Ureinwohnerdorf ist, denn die Kleidung und Haartracht deuten auch hier darauf hin. An wen sollen wir uns hier wenden?

„Habt ihr hier einen Häuptling, an den man sich als Fremder wenden kann? fragt Thommofloin in der Sprache der Ureinwohner dieser Insel einen, der in der Nähe im Schatten eines Busches sitzt.

„Ja, den haben wir. Er wohnt dort vorne in der Hütte. Aber ich muss dich darauf hinweisen, dass hier und auch drüben am Festland von Australien nicht mehr die Sprache, die ihr sprecht und die von uns Ureinwohnern dieser Insel schon seit Jahrhunderten gesprochen wurde, gesprochen wird, sondern das Englische.“

Das ist ja erfreulich! Man spricht also hier Englisch, das ich auch kann, denn komischerweise ist mir zwar mein Name und meine Herkunft entfallen, aber ich weiß alles andere, was ich vor meiner Ankunft auf dieser Insel gelernt habe, noch. Außerdem weiß ich nun, dass wir uns unweit von Australien befinden. Doch zunächst müssen wir zum Häuptling dieses Dorfes.

Wir gehen also zu der Hütte hin und ich bemerke während dessen, dass uns der Mann, mit dem wir sprachen, folgt. Was will er von uns? Als wir an der Tür klopfen, denn es ist eine vorhanden, tritt der Mann vor uns in die Hütte und schließt die Tür wieder. Kurz danach öffnet eine Frau und fragt:

“What do you want? – Was wollen Sie?“

“I want to see the chief! – Ich will den Häuptling sprechen!“ antworte ich.

“OK. Come into this room. – OK. Kommen Sie in diesen Raum.“

“We’re coming. – Wir kommen!”

Natürlich muss ich hier staunen, denn ich sehe vor mir als Häuptling den Mann, der uns vorhin Auskunft gab.

„Hello. Are you surprised seeing me as the chief? I’ll answer your questions. – Hallo. Seid ihr überrascht, mich hier als Häuptling zu sehen? Ich werde euch eure Fragen beantworten.“

Wir geben ihm natürlich zum Ausdruck, dass wir über diesen Scherz überrascht sind. Wir fragen ihn zuerst, wer die Ureinwohner hier sind. Danach erzählen wir ihm, wie wir hier her gekommen sind und fragen ihn, wie wir wieder nach Hause kommen könnten. Er meint, wir sollen über das Meer hinüber nach Australien fahren, um dort nach einer Stadt der ‚Bleichgesichter’ zu fragen, in der wir uns melden könnten. Seiner Meinung nach liegt aber die nächste größere Stadt von der Australischen Küste zwei bis drei Tagesmärsche zu Fuß entfernt. Er sagt uns auch, dass auf der anderen Meeresseite auch ein Dorf sei und meint, dass wir dort übernachten können. Das kommt uns gerade recht, denn es ist schon später Nachmittag, aber zum Lagern noch zu früh und so beschließen wir, erst überzufahren und danach drüben zu lagern.

Der Häuptling hat gesagt, wo wir einen Fährmann finden könnten, also gehen wir dorthin. Er wohnt in einer alten, morschen Holzhütte, vor der ein Boot steht: Es kommt den indianischen Kanus sehr nahe und ist noch mehr als das Haus von der Witterung beeinflusst, so dass ich ernsthaft überlege, ob ich mich dem Ding für die Überfahrt anvertrauen soll. Doch ich hoffe, dass wir heil hinüberkommen. Vor dem Haus steht ein alter Mann mit einem weißen Bart, der gerade mit einem jungen Mann, der zwei Kinder dabei hat, über den Preis verhandelt, für den er hinüberfahren dürfe. – Daran habe ich ja noch gar nicht gedacht! Womit sollen wir die Überfahrt bezahlen? Ist der Fährmann vielleicht so freundlich, uns gegen irgendeinen machbaren Tausch überzusetzen? Ich hoffe es.

Wir kommen hin und Thommofloin fragt:

“We want to cross the sea over to Australia. We’re stranded at this isle and so we don’t have any money. We’re looking for our parents who are living in Germany, so we have to cross the sea and can’t wait. – Wir wollen das Meer hinüber nach Australien überqueren. Wir sind an dieser Insel gestrandet und haben deswegen kein Geld. Wir suchen unsere Eltern, die in Deutschland wohnen, also müssen wir das Meer baldigst überqueren.“

Er meint, die einzige Bedingung dafür sei, dass wir ihm nach der Überfahrt eine spannende Geschichte aus unseren Erlebnissen erzählen würden. Damit steigen alle, auch der Mann mit seinen beiden Kindern in das Boot und wir legen ab.

Während der Fahrt kommen wieder Fragen in mir auf: Wer sind meine Eltern? Wie soll ich sie finden? Wie werden sie sein? Langsam kommt Wind auf. In der Mitte des Bootes sitzt der Fährmann mit zwei seiner Gehilfen, die alle rudern. Auf meiner Seite sitzt eines der beiden Kinder des fremden Mannes. Er selbst sitz auf der anderen Seite mit dem anderen Kind. Ich sehe hinüber zum Festland. Werde ich bald meine Eltern sehen? Oder wird es noch länger dauern?

Plötzlich werde ich aus meinem Träumen gestört: Der Wind ist stärker geworden. Das Kind stand gerade noch neben mir und beugte sich über die Seitenwand des Bootes, um den Wellen zuzuschauen, die an den Bug plätscherten. Jetzt höre ich einen Schrei: Eine starke Welle ist an das Boot gestoßen und das Kind, das sich weit über den Rand beugte, ist ins Meer gefallen. Sein Vater sitzt noch wie erstarrt da und kann auch nicht leicht aufstehen, weil er sein anderes Kind auf dem Schoß hat. Meine Entscheidung fällt nun sehr schnell. Beide Schuhe ausziehen und ins Wasser springen geschieht sehr schnell. Warum ich das tue? Die Wellen werden immer stärker und ich glaube nicht, dass dieses kleine Kind schon schwimmen kann. Ich muss es retten. Das Wasser ist ziemlich kalt. Zwei Meter rechts von mir kann sich das Kind gerade noch über Wasser halten. Jetzt erwachen die vorher fast erstarrten Leute, einschließlich Thommofloin, im Boot wieder zu Leben. Alle stoßen Rufe des Erstaunens aus. Doch ich schnelle hinüber zu dem Kind, das sich fast nicht mehr über Wasser halten kann.

Ich habe nie gelernt, wie man einen Menschen aus dem Wasser rettet. Doch irgendwie muss ich es schaffen. Das Boot ist nur einen Meter neben mir, aber das Kind liegt ein Stück von mir entfernt. Ich sage dem Jungen, er solle seinen Arm um mich schlingen und sich ziehen lassen, doch er ist dazu zu aufgeregt und schlägt wie wild um sich. Also muss ich es anders anfangen. Immer wieder schlägt eine Welle über mir zusammen und ich bekomme salziges Wasser in den Mund und in die Augen. Ich packe ihn an den Armen, so dass er sie nicht mehr bewegen kann und strample mit den Füßen mit aller Kraft zum Kahn, der aber aufgrund des starken Wellenganges schon stark abgetrieben worden ist und ich deswegen viel weiter treten muss als ich vorher hergeschwommen bin. Dazu kommt, dass ich ja in Kleidern ins Wasser gesprungen bin und diese sich jetzt schon wie ein Mehlsack an mich hängen.

Irgendwie habe ich es geschafft, das Boot wieder zu erreichen und hinaufgezogen zu werden. Ich sitze nun in meinen nassen Kleidern im Boot und das weinende, Wasser ausspuckende Kind sitzt auf dem Schoß seines Vaters, der den Jungen liebevoll streichelt. Danach ergeht sich der Vater in Danksagungen dafür, dass ich sein Kind vor dem Tod gerettet habe. Er will mir große Geschenke anbieten, die ich jedoch nicht ganz annehmen kann. Jetzt ahne ich noch nicht, was mir diese Tat später einmal an Vorteilen bringen wird. Die restliche Überfahrt verläuft ruhig und wir kommen nach einer weiteren Stunde drüben an.

Hier finden wir auch eine Herberge, in der wir übernachten können. Hier erfüllen wir auch dem Fährmann, Torinock, unser Versprechen und erzählen ihm ausführlich einige spannende Momente aus unserer Reise auf der Insel. Danach verabschiedet er sich. Der fremde Mann mit seinen beiden Kindern sagt mir, dass er noch zwei Tage hier bliebe, um einige Besorgungen zu machen. Wir erfahren hier auch, welchen Weg wir einschlagen müssen, um in die nächste größere Stadt zu gelangen.

In der Nacht schlafe ich nicht gut, denn ich bin es im Moment nicht gewöhnt, im Haus zu schlafen, auch wenn es natürlich hier noch immer nur anspruchslose Hütten gibt. An Essen mangelt es uns nicht und wir müssen auch am nächsten Tag nicht für die Übernachtung zahlen, denn der dankbare Vater, der natürlich auch, wie alle Menschen hier, ein Ureinwohner ist, zahlt für uns, was wir ihm gar nicht hoch genug anrechnen können.

Gegen Mittag dieses Tages brechen wir wieder auf, um die Stadt zu erreichen, wieder ausgerüstet mit reichlichen Vorräten. Vorher verabschieden wir uns aber noch herzlich von dem Mann, dessen Kind ich gerettet habe und der hier für uns so gut gesorgt hat.

Nächstes Kapitel: „In Not“