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Einleitung zur Inselgeschichte

Ein weiter Weg

Wie aus weiter Ferne höre ich ein dumpfes Dröhnen, ein endloses Grollen und Rauschen. Kommt dieses Geräusch von irgendwoher oder rauscht es in meinem Kopf? Dunkel ist es um mich her und das Blut klopft in meinen Adern. Wie ein spitzer Keil schiebt sich ein bohrender Schmerz in mein Bewusstsein. Was ist nur passiert? Kälte kriecht an meinem Körper empor. Ich spüre klebrige Nässe und harte Steine unter mir. Meine Finger erwachen mühsam aus ihrer Starre und tasten den Grund ab. Wo bin ich? Ich muss endlich meine Augen öffnen, aber in meinem Kopf hämmert es wie wild. Trotzdem wage ich zu blinzeln. Ein diffuses graues Licht trifft meine Augen und verdoppelt kurzzeitig den Schmerz in meinem Schädel. Vor mir erstreckt sich eine schier endlose Fläche weißer Kiesel. Wenn ich den Kopf leicht bewege, kann ich erkennen, dass sich rechts von mir Felsen auftürmen. Auf der anderen Seite glitzert es bläulich und Wellen schlagen auf die Kiesel. Ich liege an einem Strand!

Ich kann das alles nicht begreifen. Nachdem ich mich aufgesetzt habe, sehe ich zum ersten Mal an mir herab. Meine Kleidung ist durchnässt und schmutzig. Die Hose unter dem Knie aufgerissen. Am linken Arm ist die Haut abgeschürft. Was ist nur passiert? Ich kann es nicht erklären, denn in meinem Kopf ist alles wie ausgelöscht. Da ist nur dieser furchtbare Schmerz. Immer mehr Fragen türmen sich in mir auf und verlangen nach einer Antwort, aber ich kann sie nicht geben. Wo bin ich? Habe ich einen Namen? Habe ich Eltern? Und wenn ja, wo sind sie dann? Mein Grübeln hilft mir nicht weiter. Nach einiger Zeit merke ich, dass ich immer noch auf den nassen Kieseln sitze und die Wellen meine Füße umspülen. Mir ist kalt. Ich muss unbedingt aufstehen und einen trockenen Platz finden, um mich aufzuwärmen. Egal was auch passiert ist, hier am Strand kann ich nicht bleiben.

Als ich mich umdrehe und nach vorne beuge, um mich aufzustützen, merke ich, dass etwas um meinen Hals baumelt. Während ich es aufmerksam betrachte, stelle ich fest, dass es eine silberne Kette mit einem Amulett ist. Auch das Amulett scheint aus Silber zu sein und hat eine merkwürdige Form. Es sieht aus wie eine Welle, die sich gerade überschlägt oder wie ein Schneckenhaus. Beide Enden laufen spitz zusammen, aber der Mittelteil ist breit und gerundet. Bei näherem Hinsehen erkenne ich sogar einen zarten Schriftzug, der in das Metall eingeritzt ist.

Ich habe solche Schriftzeichen noch nie in meinem Leben gesehen und kann mir keinen Reim auf die Inschrift machen. Was macht solch ein Amulett an meinem Hals?

Ohne mich weiter um das komische Ding auf meiner Brust zu kümmern, rappele ich mich auf, um die Gegend zu erkunden. Es ist klar, dass ich irgendwohin gehöre. Ich muss mich also auf die Suche mache. Vielleicht kann mir dabei auch die Inschrift auf dem Amulett helfen. Vielleicht verrät sie mir ja, wer ich bin.

Bei den ersten Schritten fühle ich mich noch etwas wacklig auf den Beinen, aber das gibt sich bald. Ich gehe auf die Felsen zu und suche nach einem einfachen Aufstieg. An einer flacheren Stelle entdecke ich einen kleinen Trampelpfad, dem ich über einige Kehren und durch dichtes Gebüsch nach oben folge. Die Geräusche der Brandung werden immer schwächer hinter mir, dafür kann ich nun ein leises Gurgeln vernehmen, das mit jedem Schritt deutlicher wird. Gleich habe ich es geschafft und stehe auf einer Anhöhe, weit über dem Meer. Als ich oben bin, dehnt sich vor mir eine weite Ebene aus. Der Himmel liegt wie Blei über der Landschaft. Weit und breit ist keine Siedlung zu sehen. Zu meiner Rechten kann ich hinter Bäumen einen Fluss erkennen. Das Gurgeln seiner Wassermassen hatte ich also auf meinem Weg gehört. Zu meiner Linken erhebt sich eine mächtige Felswand, die dicht mit Schlingpflanzen und Büschen bewachsen ist. Als ich einige Schritte auf sie zu mache, kann ich einen kleinen Überhang erkennen, auf dem eine alte Buche wächst. Darunter öffnet sich die Felswand zu einem schwarzen Loch und gibt den Weg in eine Höhle frei. Ich gehe zurück und blicke mich um. Vor mir breitet sich die Ebene aus. Feuchtigkeit zieht herauf. Die Birken, Erlen und das viele Riedgras verheißen nichts Gutes. Soll ich meinen Weg durch dieses Sumpfgebiet fortsetzen? Ich weiß nicht, was ich tun soll, wohin ich mich wenden soll. Auf jedem dieser Wege können schreckliche Gefahren auf mich lauern. Doch ich muss mich endlich zwischen dem Abstieg in die Höhle, der Überquerung des Flusses oder dem Weg durch das Sumpfland entscheiden.

Nächstes Kapitel: „Durch den Sumpf“