Im letzten Moment
Also gehe ich den Berg hinauf. Ich frage mich zwar eigentlich, was ich dort oben finden soll, aber sicherlich werde ich von diesem Berg aus, der noch viel höher ist als die Anhöhe, die ich vorhin bestiegen habe, eine weitere Aussicht haben – Vielleicht kann ich von dort sogar eine menschliche Siedlung erblicken. Doch langsam wird es Abend. Die Sonne steht noch eine Handbreit über dem Horizont und ich werde den Berg heute wohl nicht mehr ganz besteigen können. Doch ich gehe los. Natürlich habe ich immer noch keine Schuhe – wo sollte ich sie her haben – und schlammige Füße von meiner Bekanntschaft mit dem Sumpf. Langsam wird es kühler und das Bisschen Aufwärmung, das ich in der Sonne auf dem Weg bekommen habe, war schon wieder verschwunden. Ich höre noch einige Vögel zwitschern und Grillen zirpen. Der Weg, auf dem ich im Moment gehe, ist nun kein Trampelpfad mehr zu nennen. Man kann lediglich einige Spuren eines Wildwechsels erkennen. Es geht steil bergan. Es wird kühler und die Sonne ist am untergehen.
Da sehe ich, wie mir aus dem Gebüsch eine Menge blauschwarzer, reifer Brombeeren entgegenglänzen. So etwas muss man eigentlich für eine Leckerei finden, aber mir, der ich mich hier – wahrscheinlich gänzlich allein – auf diesem einsamen Landstrich befinde, stellen sie eine willkommene Essensquelle dar. Ich pflücke also eine beträchtliche Menge davon, bis mir die Hände von den Stacheln wehtun. Anschließend setze ich meinen Weg fort. Langsam zieht Nebel auf, was mir natürlich sehr ungelegen kommt: Es dunkelt bereits und dazu liegt nun auch noch ein golden-weißlicher Schimmer auf der Landschaft, sodass man nicht mehr weit sehen kann. Ich bin schrecklich ermüdet und außerdem brummt mir immer noch mein Kopf. – Woher? – Das weiß ich natürlich leider selbst nicht. Als der Himmel von seinem goldenen Abendrot schon fast in das nächtliche Schwarz übergehen will, das bekanntlich dem Aufgang der Sterne vorausgeht, und der Nebel so dicht wird, dass man keine zwei Meter mehr weit sehen kann, komme ich an eine Stelle, an welcher der grasige Waldboden in Fels übergeht. Man kann jetzt nichts mehr sehen und auch keine Spuren wie auf dem Wildwechsel erkennen. So schleppe ich mich noch zehn Meter weiter und lege mich dann nieder.
Ich esse meine Brombeeren – sie stillen meinen Hunger natürlich nicht genügend – und kauere mich auf dem kalten Felsboden zusammen. Ich kann leider nichts anderes tun, denn wohin soll ich mich wenden? Der Nebel durchnässt meine Kleidung und ich fühle mich unwohl in der Kälte. Außerdem gehen mir immer wieder meine Hauptfragen durch den Kopf: Wer bin ich? – Was hat es mit dem Amulett auf sich? – Wer sind meine Eltern? Doch schließlich kann ich einschlafen, wenn ich auch dauernd nach kurzer Zeit wieder erwache. Sobald ich einmal für längere Zeit eingeschlafen bin, schütteln mich böse Alpträume aus dem Schlaf: Eine raue Gestalt mit dickem Bart und einem Dolch in der Hand steht vor mir. Sie schreit mit einer wahren Donnerstimme auf andere Männer ein, von denen zwei mit einem Mann ringen, der mir bekannt vorkommen will. – Doch habe ich überhaupt schon einmal andere Menschen als mich selbst gesehen? Ist das nur meine Phantasie? Ich kann mich nicht erinnern. – Dann packt mich der Mann und wirft mich irgendwo hin. In diesem Moment erwache ich immer. Einmal, es dämmert bereits um mich, spüre ich leichten Nieselregen auf der Haut. Ich versuche, wieder einzuschlafen, und es gelingt mir auch. Als ich wieder erwache, hat der Regen aufgehört und die Sonne scheint und ich liege unter blauem Himmel.
Ich stelle mich auf – und will gleich wieder niederfallen. Ist das auch ein Alptraum? Vor mir bricht der Felsen ab und eröffnet kurz vor mir einen Abgrund. Wäre ich gestern noch einige Schritte weiter gegangen: Es wäre mein Verderben gewesen. Es musste wohl die sorgende Hand Gottes gewesen sein, die mich im letzten Moment lagern ließ.
Obwohl die Sonne scheint, ist es hier oben sehr kalt. Kein Wunder, auch die Landschaft sieht ganz klein aus. Ich muss am vorigen Tag sicher eine bedeutende Strecke bergauf gegangen sein.
Ich bin noch ganz verdattert, schaue mich aber dennoch um. Ja, von hier aus hat man Aussicht! Ich sehe hinter mir den Sumpf, in dem ich gestern beinahe ertrunken wäre. Rechts davon sehe ich den Fluss in seinem Blau heraufglänzen. Von hier oben bemerke ich erst, welchen Weg ich gestern in der Hitze zurück gelegt habe. Man kann von hier oben bemerken, dass das Land zumindest eine Halbinsel, wenn nicht gar eine Insel sein muss. Zu drei Seiten sieht man Meereswasser heraufglänzen. Auf der anderen Seite dehnt sich zunächst eine Ebene aus, links von mir durchschnitten von dem Tal, in das ich auch hätte gehen können. Hinter dieser weiten Ebene wirft sich ein kleiner, bewaldeter Hügel auf. Ich folge der Landschaft mit den Augen von dort nach oben und sehe – Rauch!
Ist das ein Buschfeuer? Doch dann müssten eigentlich die Rauchschwaden größer sein. Oder etwa gar ein Lagerfeuer? Bin ich vielleicht doch nicht allein hier? Hoffentlich sind die Verursacher des Feuers, wenn es Menschen sind, freundlich und können mich auch verstehen! Sollte dort vielleicht eine Klärung wenigstens einer der Fragen möglich sein, die ich mir beim Einschlafen gestern Abend gestellt hatte? – –
Nächstes Kapitel: „Bei den Ureinwohnern“