Meine Eltern
Man hat es schon von weitem gemerkt, dass wir einer größeren Stadt entgegengehen, denn es sind uns immer wieder sogar Autos entgegengekommen. Sabu Mes hat uns hierher geführt und nun sitzen wir in einem kleine Café am Rand der kleinen Stadt.
„Vielen Dank nochmals, Sabu Mes, dass du für uns eingetreten bist,“ beginne ich ein kleines Gespräch. „Ich glaubte wirklich nicht mehr an Rettung. Aber sag’ mal, ist es wirklich wahr, dass andere Menschen bei euch erbarmungslos hingemetzelt werden?“
„Leider, ja. Ich selbst habe aber schon gemerkt, dass es der falsche Weg ist, was wir hier machen und habe deshalb schon für manchen Menschen seine heimliche Freilassung erwirkt. Aber ich bin der Vertreter Hal Marus und kann deswegen nicht so einfach abspringen. Aber ich versuche schon länger und immer wieder, ihn zum Guten zu bekehren und ich glaube, langsam beginnt der Same der Menschenfreundlichkeit und des friedlichen Lebens in ihm aufzugehen. Vielleicht wird es mir irgendwann gelingen, diese Räuberorganisation aufzulösen.“
„Aber tut denn die Polizei oder das Militär nichts dagegen?“
„Ich glaube, sie wollen das gar nicht wirklich, denn einige der Befehlsgeber der hiesigen Polizei stecken mit Hal Maru unter einer Decke, oder sie sind einfach zu schwach dazu, denn in diese Bekämpfung und die Wahrung des friedlichen Lebens steckt die Regierung wenig. Aber ich glaube, ihr müsst bald zur hiesigen Polizei, um euch zu melden. Vielleicht wissen sie ja etwas von euch.“
„Das denke ich auch,“ schaltet sich Thommofloin ein. „Ich bin sicher, egal, wie wir verloren gegangen sind, unser Vater hat sicherlich eine Vermisstenanzeige um uns aufgegeben.“
„Das ist klar,“ sage ich. „Aber ob die hiesige Polizeidienststelle davon informiert ist?“
„Das kommt darauf an. Wenn wir hier in Australien verloren gegangen sind, weiß die Polizei das hier, denn ein bisschen zivilisiert ist es ja auch hier. Ich würde sagen, gehen wir!“ meint Thommofloin.
Also fragen wir beim Cafébesitzer, wo die Polizeidienststelle zu finden sei. Wir kommen auch leicht dorthin, machen aber auch gleich die Erfahrung, dass man hier nicht übermäßig schnell im Öffnen ist, denn wir müssen an die zehn Mal klopfen, ehe geöffnet wird. Der Polizeibeamte ist zunächst über unsere Kleidung verwundert, die sicher nicht mehr salonfähig ist.
„Wo kommt ihr denn her und wie seht ihr aus! Was wollt ihr von mir in euren zerrissenen Kleidern? Seid ihr Landstreicher oder so etwas? Soll’ ich euch lieber gleich festnehmen?“
„Halten Sie ein, halten Sie ein!“ unterbricht Thommofloin den Redeschwall des Polizisten. „Wir sind weder Landstreicher noch sollen Sie uns gleich festnehmen. Wenn wir Ihnen erzählen wollten, wie wir zu unseren zerrissenen Kleidern gekommen sind, würde das lange Zeit in Anspruch nehmen. Ich will lieber gleich zur Sache kommen.“
„Und die wäre?“
„Ich weiß nicht, ob Sie uns helfen können,“ beginne ich. „Wir sind auf der Insel gestrandet, die in dieser Richtung,“ damit deute ich ihm mit dem Arm die Richtung an, „einige Kilometer vor der Küste liegt. Wir haben uns erst später zusammengefunden und aufgrund dieser Amulette,“ dabei deutet Thommofloin auf mein und sein Amulett, „und einiger Aussagen eines Ureinwohnerhäuptlings herausgefunden, dass wir Brüder sind.“
„Amulette – zwei Brüder, die vermisst sind. – Wartet! Ich weiß es wieder! Da kam mir vor kurzem eine Vermisstenmeldung zu Ohren. Wartet, ich schaue gleich einmal nach.“
Nach kurzer Zeit kehrt er zurück und hat einen Brief in der Hand.
„Hier, seht! Zwei Kinder, Brüder zu 17 und 16 Jahren, vermisst. Besondere Kennzeichen: Sie beide tragen silberne Amulette, die sich zusammenstecken lassen. Falls sie gefunden werden, bitte eiligst Meldung an Telefon …“
„Wirklich? Diese Beschreibung passt ziemlich genau auf uns! Wollen Sie vielleicht Meldung an diese Telefonnummer erstatten?“ sage ich.
„Natürlich werde ich das sofort veranlassen. Wollt ihr mitkommen, um gleich mitzusprechen? Ich habe ein Telefon im Haus.“
„Sicherlich. Können wir gleich gehen?“
„Ja.“
Also gehen wir hinein in das Arbeitszimmer des ‚Wachmeisters’, um dort zu telefonieren. Nach kurzer Zeit gibt uns der Polizist zu verstehen, dass jemand abgenommen hat. Dann legt er den Hörer zur Seite und sagt uns:
„Es ist jemand da und hat gesagt, dass die Eltern der beiden Brüder in dem Hotel, das diese Telefonnummer hat, wohnen. Sie werden gerade geholt. Wollt ihr selbst mit ihnen sprechen?“
„Natürlich, ja!“ entgegnen wir beide fast gleichzeitig.
Der Polizist nimmt den Hörer, der übrigens sehr altmodisch aussieht, gleich wieder in die Hand. Dann sagt er: „Sie sind da! Wer will zuerst sprechen?“ Thommofloin lässt mir den Vortritt. Ich höre aus dem Telefon eine weibliche Stimme:
„Klaus? Fritz? Wer ist dran? Geht es euch gut?“
„Hallo. Sind Sie unsere Mutter? Ich weiß nicht, wer ich bin, denn ich habe all das vergessen.“
„Natürlich bist du Klaus! Meinst du, ich erkenne deine Stimme nicht? Du brauchst dich nicht verstellen! Natürlich bin ich deine Mama!“
„Wirklich? Ich heiße Klaus? Aber, Mama, ich verstelle mich nicht. Wir beide, Fritz und ich, können uns auf all das nicht mehr besinnen. Ist mein Vater auch da?“
„Klar ist er da! Hier steht er, neben mir. Willst du ihn sprechen?“
„Sicher!“
„Hallo? Bist du es, Klaus?“ ertönt jetzt eine männliche Stimme, die wohl meinem Vater gehört. „Ich weiß noch genau, wie alles gekommen ist. Ihr beiden Kinder und ich, allein auf dem Segelboot! Und dann der Überfall! Es war schrecklich, findest du nicht? Und außerdem: Wie geht es dir?“
„Mir geht es gut, Papa. Was war schrecklich? Ich weiß nichts mehr. Mein Gedächtnis ist wie ausgelöscht, bis zu dem Moment, als ich auf der Insel strandete.“
„Na, wir werden auf jeden Fall irgendwie morgen im Kleinflugzeug zu euch fliegen, dann kann ich euch auch alles erzählen. Würdest du mir bitte auch noch Fritz geben?“
„Das wollte ich gerade tun. Bitte!“
Nun spricht Thommofloin, oder besser, da ich es ja ab jetzt weiß, Fritz, mit meinem und seinem Vater. Wie freue ich mich! Ich soll meine Eltern sehen! Morgen schon, morgen schon werden sie zu uns kommen können! Ich kann mir noch gar nicht vorstellen, wie sie aussehen. Morgen werde ich mehr wissen.
In dieser Nacht, die wir in einer kleinen Gaststätte der Stadt zubringen, kann ich vor Freude fast kein Auge zu tun. Am nächsten Morgen, als wir aufgewacht sind, machen wir uns gleich fertig und gehen nach einem kurzen Frühstück hinaus zu dem kleinen Flugplatz der Stadt. Dort warten wir; doch die Zeit wird uns nicht lang, obwohl es bis Mittag dauert, als ein kleines Flugzeug am Horizont sichtbar wird.
„Was meinst du, Fritz, sind das unsere Eltern?“
„Ich hoffe es, Klaus. Ich will nicht mehr länger warten.“
Langsam kommt das Flugzeug der sandigen, kleinen Landebahn näher geschwebt. Man hört deutlich das Summen seiner Motoren. Schließlich setzt es auf. Es staubt gewaltig um uns herum. Wie bin ich aufgeregt! Sind es wirklich unsere Eltern? Wie wird meine Mutter ausschauen? Und mein Vater? Werden sie nett sein?
Jetzt öffnet sich eine Klappe am Flugzeug und ein dunkelblonder Mann steigt aus dem Flugzeug. Er ist mit einem dunkelblauen Hemd und einer weißen, kurzen Hose bekleidet. Sein leicht bärtiges Gesicht hat dunkelgrüne Augen und eine spitze, schroffe Nase. Er schaut trotz seines Gesichts mit den scharfen Zügen freundlich drein. – Irgendwo habe ich dieses Gesicht schon einmal gesehen. Ich glaube, es war in einem Traum. Ja, richtig! Es ist das Gesicht des Mannes, der in meinem Traum von den beiden Männern niedergerungen wird! Mit freudiger Stimme sagt er:
„Fritz! Klaus! Endlich sehe ich euch wieder! Aber wie seht ihr denn aus, gar nicht wiederzuerkennen mit euren zerrissenen Kleidern und den für euch doch so untypischen langen Haaren! Komm in meine Arme, Klaus!“
Damit drückt er mich fest an sich und ich umarme auch ihn. Während mein Vater zu meinem Bruder Fritz geht, sehe ich eine weibliche Person aus dem Flugzeug steigen. Sie hat dunkle, schulterlange Haare. Auch ihr weiches Gesicht, mit blaugrünen Augen, kommt mir bekannt vor. Aber ich kann mich nicht mehr erinnern, wo ich sie gesehen habe. Auf jeden Fall, das ist klar, ist sie meine Mutter. Sie hat einen grün-blauen Rock an und trägt ein hellgelbes T-Shirt. Auch sie kommt zunächst auf mich zu.
„Klaus, mein Sohn! Wie lange habe ich dich und Fritz schon nicht mehr gesehen! Und was ist euch zugestoßen, wie mir Jürgen erzählte.“
Sie schließt mich in ihre Arme und gibt mir einen Kuss auf die Wange. Meine Eltern sind wieder bei mir und Fritz! Meine Freude ist noch größer, als noch vorgestern bei den Räubern Hal Marus meine Angst war. Ich bin jetzt glücklicher als je zuvor.
Wir vier gehen nun zurück zu der Herberge, in der wir heute Nacht zusammen mit Sabu Mes übernachtet haben. Ich stelle ihn meinen Eltern vor. Dann gehen wir wieder in das Café und wir trinken und essen dort etwas. Während dessen erzählen Fritz und ich von unserer Reise. Hier erfahre auch ich zum ersten Mal, was Fritz auf seinem Weg zu den Ureinwohnern begegnet ist. Unsere Eltern, Jürgen und Ingrid, hören uns gespannt zu und drücken am Schluss unserer zweistündigen Erzählung ihr Erstaunen über die Dinge, die uns zugestoßen sind und über unseren Mut und unsere Kraft, eine solche Reise zu bestehen, aus.
Gegen Abend sitzen wir wieder im Flugzeug, das uns zum Urlaubsort zurückbringen soll. Von dort aus wollen wir, wenn möglich, sofort nach Hause nach Deutschland zurückkehren. Auf dem Weg setzt mein Vater Jürgen an:
„Wisst ihr überhaupt, wie es kam, dass ihr an diese Insel getrieben wurdet?“
„Nein, es hat uns niemand erzählt,“ erwidern wir einstimmig.
„Dann werde ich es euch erzählen. Dorthin, wohin wir jetzt fliegen, haben wir dieses Jahr Urlaub gemacht. Wir wollten einmal etwas neues ausprobieren und sind deshalb hierher nach Australien gefahren. Wir wohnen an der Meeresküste und so entschlossen wir, also Klaus, Fritz und ich, ohne eure Mutter, die lieber eine Radtour machen wollte, auf dem Meer segeln zu gehen. Ich kann das nämlich noch von meiner Jugend, weil ich damals im Segelverein war.
Also segelten wir aufs Meer hinaus. Wir waren ganz in der Früh losgefahren, um eine weite Strecke zurücklegen zu können, bis wir umkehren hätten müssen. Allerdings hatte ich mich nicht über die Lage von Australien informiert, weil dann hätte ich erfahren, dass es hier auch heutzutage noch Seeräuber gibt, denen kein Pfennig zu wenig wert ist, um einen Überfall zu machen. Wir wurden also überfallen. Ich wollte euch beispringen, um euch zu retten, bin aber von den Räubern niedergerungen worden. Man gab euch Hiebe, bis ihr bewusstlos wurdet. Fritz wurde so stark verletzt, dass man ihn für tot hielt, weil er über einen Tag nicht mehr zu Besinnung kam. Also warfen ihn die Schurken in die Fluten, um eine unangenehme Last loszuwerden. Ich war nicht schwer verletzt worden und blieb bei Besinnung. Du aber, Klaus,“ erzählt er, sich zu mir wendend, „lagst im Fieber wegen deinen Verletzungen, weil dein Körper nicht genügend Widerstandskraft besaß. Es sind in dieser Art wohl zwei Wochen vergangen. Weil du oft nicht reagiertest und nicht den Zurufen und Befehlen der Seeräuber gehorchtest, ich glaube, weil du sie einfach im Fieber nicht verstandest, wurdest immer gröber mit Fußtritten und Schlägen bedacht. Einmal trat dich einer so, dass du die Treppe in den Bauch des Schiffes hinunterfielst.
Du musstest natürlich von diesem Fall wieder bewusstlos werden. Man hielt dich nun wirklich für tot und warf dich ebenso wie deinen Bruder über Bord ins Meer. Ich befürchtete das schlimmste und versuchte, es zu verhindern. Dafür wurde ich aber noch fester gefesselt und unter Bord angebunden. Allerdings bekam ich schließlich Rettung. Es war ein Mann an Bord, der dem Treiben nicht mehr länger zusehen konnte, und nicht wollte, dass ich getötet würde.“
„Ebenso also, wie es Sabu Mes tut,“ falle ich ein.
„Genau. Er rettete mich also. Einmal, als das Schiff an Land an einer Stadt anlegte, ließ mich dieser Mann frei. Dort in der Stadt konnte ich schnell zu unserem Urlaubsort zurückkehren, nachdem ich für euch Vermisstenanzeige erstattet hatte.“
Damit schließt mein Vater und wir hören wieder dem monotonem, lauten Brummen der Motoren zu. Nach weiteren zwei Stunden sagt uns unser Pilot: „Wir werden bald wieder zurück in Kaskalabra am Flugplatz eintreffen.“
Schließlich kommen wir am Ferienort an. Wir bekommen dort auch zugesichert, dass wir in drei Tagen abfliegen können. Ich bin froh, dieses Abendteuer heil überstanden zu haben und wieder bei meinen Eltern zu sein.
Lorenz Reichelt
Ende der Geschichte, danke fürs lesen, gehen Sie jetzt zur Einleitung zurück.